Autonome Mädchen*häuser

Orte für feministische Mädchen*arbeit

Die in der BAG Autonome Mädchen*häuser – Orte für feministische Mädchen*arbeit - organisierten Mädchen*häuser bieten Entwicklungs-, Schutz- und Erfahrungsräume für Mädchen* und junge Frauen*. Unter einem „Dach“ vereinen sie verschiedene Angebote der Kinder-, Jugend- und Eingliederungshilfe. Auf diese Weise bieten sie kurz- und langfristige Hilfe, Begleitung und Unterstützung für Mädchen* und junge Frauen* in allen Lebenslagen. Dieser Auftrag ist seit Gründung der Mädchen*häuser in den 1980-er Jahren im Grundsatz gleichgeblieben, auch wenn sich die Angebote und Leistungen entlang der Bedarfe der Zielgruppe Mädchen* und junge Frauen* in den rund 40 Jahren ausdifferenziert und weiterentwickelt haben.

Ende 2023 hat sich die BAG eine neue Rechtsform gegen. Der Verein Bundesarbeitsgemeinschaft Autonome Mädchen*häuser e.V.
mit Sitz in Frankfurt wurde gegründet.

Die Angebote der Mädchen*häuser sind durch die Themen, Anliegen, Problemlagen und Lebensrealitäten der Mädchen* und jungen Frauen* bestimmt. 

Folgende Schwerpunktthemen finden sich in allen Mädchen*häusern mit unterschiedlichen Gewichtungen wieder:

  • Körperliche, psychische, sexualisierte Gewalt sowohl analog/personal als auch digital/mediatisiert
  • Auswirkungen der Gewalterfahrungen wie Traumatisierungen, psychosoziale und ökonomische Folgen
  • Weitere geschlechtsspezifische Gewalterfahrungen wie Zwangsverheiratung, weibliche Beschneidung/Genitalverstümmelung, sog. Gewalt im Namen der Ehre/patriarchale Gewalt, Zwangsprostitution etc.
  • Geschlechtsspezifische Diskriminierungen sowie deren Verschränkung mit anderen Diskriminierungs- und Gewaltformen wie Rassismus, Ableismus, LGBTQI-Feindlichkeit etc.
  • Vielfältige psychische Probleme bis hin zu psychiatrischen Erkrankungen
  • Familiäre Konflikte und (Multi)problemlagen, Einbezug und ggfs. Unterstützung von hilfebedürftigen Personensorgeberechtigten
  • Bildungsthemen rund um Schule, Ausbildung und Berufswahl
  • Umgang mit social media
  • Themen wie Schönheitsideale, mangelndes Selbstwertgefühl, weniger Zufriedenheit mit sich und dem Leben, Zuschreibung von stereotyp weiblichen Rollen und Aufgaben in der Familie und im sozialen Umfeld
  • Verfahren rund um Fälle im Bereich Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung, §8a/b-Verfahren SGB VIII

Die pädagogische und therapeutische Arbeit der Mädchen*häuser ist parteilich, partizipativ, ressourcenorientiert, empowernd und beziehungsorientiert und geht immer von den Bedürfnissen, Anliegen und Perspektiven der Mädchen* und jungen Frauen* aus. 

Mädchen* und junge Frauen* werden als Expertin ihrer selbst betrachtet und ernst genommen. Das Umfeld kann je Thema, Kontext und Wunsch einbezogen werden. Mädchen* und junge Frauen* erhalten Raum, Belastungs- und Gewalterfahrungen wahrzunehmen und Selbstmitgefühl und Selbstwirksamkeit in der Verarbeitung zu entwickeln. Aktuelle oder vergangene dysfunktionale Bewältigungsstrategien und Verhaltensmuster werden gemeinsam identifiziert und alternative, weniger schädliche Handlungsoptionen erarbeitet. In den Kontakten zu den Mädchen* und jungen Frauen* werden sie ermutigt ein selbstbestimmtes Leben zu führen, eigene Stärken zu entdecken und ihre Nöte und Bedürfnisse zu benennen. Darüber hinaus bekommen sie Unterstützung dabei, sich als individuelle Persönlichkeit zu entwickeln und Selbstermächtigung zu erfahren. Der akute und langfristige Schutz vor Gewalt jeglicher Art hat höchste Priorität.

Die Mitgliedorganisationen 

Die Mitgliedorganisationen sind in autonomer Trägerschaft und teilen eine parteilich-feministische Arbeitsweise. Mädchen*arbeit hat hier somit immer eine gesellschaftskritische Dimension. Grundlage der Arbeit ist ein kritischer und feministischer Blick auf diskriminierende Machtstrukturen in der Gesellschaft und entsprechende Geschlechterrollenzuschreibungen. Die stetige Weiterentwicklung von Konzepten ist eine Voraussetzung für die Qualität der Arbeit und eine Antwort auf die vielfältigen Lebensrealitäten von Mädchen* und jungen Frauen*. Somit sind die Mädchen*häuser als Mitgliedsorganisationen Orte feministischer, rassismus-, cis-heteronormativitäts-, herrschafts- und patriarchatskritischer Auseinandersetzung mit dem Ziel emanzipatorischer Veränderung.
 

Weiblich gelesene junge Menschen schauen lachend auf einen Punkt neben der Kamera

Allen Mitgliedsorganisationen ist gemeinsam, dass sie durch ihre pädagogische und therapeutische Arbeit Mädchen* und junge Frauen* auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte Lebensweise unterstützen. Neben der Dimension Geschlecht beziehen die autonomen Mädchen*häuser auch Herkunftszuschreibungen, sozialen Status, Bildungszugänge, Gesundheit, geschlechtliche und sexuelle Identitäten, körperliche und geistige Fähigkeiten und weitere Diskriminierungsmerkmale in die pädagogische und gesellschaftspolitische Arbeit mit ein. Dies entspricht einem intersektionalen Blick, der die gleichzeitige Betroffenheit von unterschiedlichen Formen von Diskriminierung als ineinander verflochten begreift.

Die Mädchen*häuser sind im Prozess der Auseinandersetzung mit geschlechtlicher Vielfalt und stehen konzeptionell an unterschiedlichen Punkten der Umsetzung und Öffnung ihrer Angebote. Die konkrete Handhabung u.a. in Sprech- und Schreibweise in den Mädchen*häusern ist unterschiedlich, aber alle tragen den * als grundlegende Haltung mit. Wir stellen das binäre Konstrukt von Geschlecht in Frage und wollen mit dem Genderstern die geschlechtliche Vielfalt sichtbar machen. Wir meinen damit alle Personen, die sich als Mädchen oder junge Frauen definieren oder als solche gelesen werden, sowie nicht-binäre, genderfluide, trans*- und inter- Personen, oder solche, die sich in ihrer geschlechtlichen Identität nicht festlegen wollen. 

Wir wissen um die Diskussion und Kritik am Gender-Stern, weil der Stern u.a. implizieren kann, dass Transfrauen keine Frauen sind. Auch können sich Personen, die sich nicht als Mädchen sondern als nicht-binär oder trans identifizieren oder nicht als Mädchen gelesen werden, vom Genderstern nicht angesprochen oder gar ausgeschlossen fühlen. Oftmals wird er nur als ein Platzhalter genutzt ohne genau zu benennen wer damit gemeint ist. Der Genderstern ist zwar ein weiterer Teilschritt auf dem Weg hin zu einer diskriminierungs-freieren Sprache und zu mehr Sichtbarkeit. In der konkreten Arbeit heißt das für uns aber auch zu benennen, welche Personen wir mit unseren Angeboten adressieren und erreichen. Solange wir in einer Gesellschaft leben, in der geschlechtliche Vielfalt keine ausreichende Anerkennung findet, halten wir die Markierung durch den Genderstern für notwendig. 

Grundlage der pädagogischen Arbeit

Grundlage der pädagogischen Arbeit in den autonomen Mädchen*häusern ist die Beziehungsarbeit, daher bieten die Mitarbeiterinnen* mit ihrer Haltung und der Vielfalt ihrer Lebensentwürfe immer auch Identifikationsmöglichkeiten für die Mädchen* und jungen Frauen*. Dementsprechend streben die Mitgliedsorganisationen an, gesellschaftliche Vielfalt auch in den Teams abzubilden. Die Mädchen*häuser befinden sich in unterschiedlich gestalteten Prozessen der Sensibilisierung für eigene Diskriminierungsmuster und Bewusstseinsbildung mit dem Ziel diskriminierungskritische Haltungen zu entwickeln.

Die Mitgliedsorganisationen gehen davon aus, dass der Bezug auf die Dimension Mädchen* und Frau* in einer pädagogisch-emanzipatorischen Arbeit notwendig ist, solange Menschen aufgrund der herrschenden Machtverhältnisse wegen ihres zugeschriebenen Geschlechts diskriminiert werden. 

Sie sehen ihren Auftrag neben der individuellen Hilfe auch in der Veränderung von gesellschaftlichen und strukturellen Lebensbedingungen ihrer Zielgruppe. In diesem Sinne betreiben die Mitgliedsorganisationen Lobbyarbeit für Mädchen* und junge Frauen*, indem sie deren Belange sichtbar machen und ihre Rechte stärken. Gremien- und Netzwerkarbeit, öffentlichkeitswirksame Aktionen und Stellungnahmen sind daher zentraler Bestandteil ihrer Arbeit. 

Angebote für Mädchen* und junge Frauen* in den Mädchen*häusern

Welche Angebote das jeweilige Mädchen*haus vorhält, können Sie der Verlinkung auf der Landkarte entnehmen.

  • Beratung
    kostenlos, anonym, freiwillig, zeitnah, unbürokratisch, mit vielfältigen niedrigschwelligen Formaten und Zugangswegen
  • Schutz- und Inobhutnahmestellen
    stationäre Schutz- und Kriseneinrichtungen, rund um die Uhr betreut, z.T. mit anonymer Adresse
  • Wohnangebote
    Wohnangebote für Einzelne und Gruppen mit unterschiedlicher Betreuungsintensität (teil-, vollstationär) teilweise mit thematischen Schwerpunkten
  • Offene Mädchen*arbeit
    niedrigschwellige Freizeit- und Bildungsangebote
  • Ambulante Hilfen
    flexible und aufsuchende Betreuungs- und Unterstützungsangebote im Wohn- und Lebensumfeld
  • Hilfen im Rahmen der Eingliederungshilfe 
    ambulante Betreuung sowie Betreutes Wohnen für (junge) Frauen mit psychischer Erkrankung oder mit Behinderungen
  • Therapie
    längerfristig angelegte (psycho-, und/oder trauma-) therapeutische Angebote
  • Hort 
    feste Gruppen mit Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, Freizeit
  • Angebote für Mädchen* und junge Frauen* mit Fluchtgeschichte
    Zum Teil als spezialisierte Angebote für diese Zielgruppe oder als Querschnittsangebot in allen Einrichtungen
  • Fortbildung und Fachberatung
  • Bildungs- und Präventionsangebote 
    mit unterschiedlichen Themen, Methoden und Formaten sowohl für die Zielgruppe Mädchen* und junge Frauen* als auch für Fachkräfte